Am 1. Dezember 2004 von 22 bis 1 Uhr auf Radio Fritz. Mit Markus Beckedahl vom Netzwerk Neue Medien <markus(ätt)nnm-ev.de> und Wetterfrosch <wetter(ätt)berlin.ccc.de> sowie Katherina <post(ätt)katherina.org> für die musikalische Untermalung.

Thema: Vergütung im Netz

Die Filesharing-Revolution ist auf halben Wege stecken geblieben; Einerseits können Daten - Songs, Filme, Texte - von vielen schnell kopiert werden, andererseits ist fuer diese Nutzung die ausreichende Verg�ütung der Urheber nicht gewä�hrleistet.

Die digitale Privatkopie ist weiter Streitgegenstand zwischen Industrie, Politik und Nutzern - defakto fast abgeschafft aber trotzdem fleissig weiter praktiziert: Filesharinguser werden verklagt und zunehmend kriminalisiert und neueröffnete "Musikportale" moechten kopiergeschützte Musik in nicht kompatiblen Formaten verkaufen.

In diesem Chaosradio stellen wir Euch alternative Konzepte vor, wie Kulturg?ter in der digitalen Welt vergütet werden können und wollen eure Vorstellungen hören. Wir möchten von Euch wissen, welche Erfahrungen Ihr mit Musik im Internet gemacht habt und welche Angebote Ihr Euch wünscht - sei es aus Sicht eines Verbrauchers, Musikers oder Indylabels.

Mitschnitt

Auf dem FTP-Server des CCCs findet sich der Mitschnitt der Sendung im freien OGG-Format (75 MB) und als MP2 (250 MB): ftp://ftp.ccc.de/chaosradio/cr98/

Für die meiste gängigen Player, wie etwa XMMS, iTunes oder Winamp, gibt es Plug-ins, um OGG-Files abzuspielen. Das weniger komprimierte MP2 lässt sich hingen meist ohne weiteres abspielen.

Notizen und Links

Filesharing funktioniert - Geldfluss nicht

  • Filesharing funktioniert und wird wird auch nicht weniger benutzt.
    • Die aktuellen Klagewellen und die Kampagne "Raubkopierer sind Verbrecher" sollten die so genannten "Raubkopierer" (gemeint sind eigentlich Privatkopierer) abschrecken - das Gegenteil ist Fall.
    • Aktuelle Allensbach-Studie: 26% der unter 62-j?hrigen haben schonmal "illegal" Musik aus dem Internet gezogen. Letztes Jahr waren es nur 12%.
  • H�örer berichten, dass sie große Mengen an Musik im Rechner - bis zu 130 Gigabyte - haben. Meist sind diese MP3s Kopien von den CDs, die sie bereits besitzen. Oft kopieren sie sich auch Musik von Freunden. Viele sagen, dass sie von Musikern, deren Musik sie über das Netz kennengelernt haben und gut finden, auch CDs kaufen oder auf Konzerte gehen. Es gibt immer noch Menschen, die Musik aus dem Radio mitschneiden.

Antwort der Industrie: Verfolgung

  • Mit einzelnen Klagewellen, die nur wenige Dutzend von Millionen von Filesharingusern betreffen, sollen Tauschbörsennutzer abgeschreckt werden. Ist es legitim jemanden auf 10 000 Euro zu verknacken, weil er 600 MP3s in einer Filesharingbörse angeboten hat?
  • Um an die Anschrift des Inhabers einer IP-Adresse zu kommen, muss der Rechteinhaber bislang vor Gericht klagen und erst das Gericht kann den betreffenden Internetprovider auffordern, die Kundendaten preiszugeben, sofern diese überhaupt gespeichert wurden. Mit der EU-Richtlinie zur Verfolgung von Urhebrrechtsdelikten soll dieser Prozess stark verinfacht werden: Rechteinhaber sollen ab 2006 direkt vom Internetprovider die persönlichen Daten der Internetnutzer durch ein Auskunftsrecht in Erfahrung bringen können. Diese EU-Novelle wurde federführend betreut durch die EU-Parlamentarierin Mme Fortou, die mit dem Chef von Vivendi-Universal verheiratet ist.
  • Immerhin ist in der momentanen Novellierung des Urheberrechtes (der sog. "2. Korb") eine Bagatellklausel vorgesehen, die besagt, dass nicht bestraft wird, wer Urberrechtsdelikte in geringen Umfang begeht. Mit der Neufassung wolle man nämlich nicht "die Schulhöfe kriminalisieren", betonte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). Aber wo muss diese Grenze ansetzen, wenn die Fritzhörer tausende Songs von ihren CDs, die wohlmöglich kopiergeschützt sind, im Computer digitalisiert haben und ein mobiler MP3-Player 10 000 Songs umfassen kann?

WER FRITZRADIO HÖRT IST EH EIN TERRORIST UND HAT KEINE RECHTE MUSIK ZU BAGATELISIEREN ;-)

Antwort der Industrie: CD-Kopierschutz

  • Mit der Novellierung des Urheberrechts, die zum September 2003 in Kraft trat, ist es gesetzlich verboten, "wirksame Kopierschutzmassnahmen" zu umgehen, auch wenn man nur eine legale Privatkopie anfertigen möchte.
  • Unsere Justizministerin Zypries antwortet auf Frage, wie man denn kopiergeschützte CD auf dem Computer abspielen soll: "Kaufen Sie sich einen CD-Player".
  • Majorlabels gehen heute zum Teil wieder davon ab Kopierschütze zu verwenden, wegen grossem Protest der Verbraucher.
  • Farin Urlaub sagt zu Kopierschützen: "Das ist, wie wenn Mercedes eine Wegfahrsperre in seine Autos einbaut und den Schl�üssel beh�ält"

Antwort der Industrie: DRM - Kopierschutz im Netz

  • Mit digitalen Rechteverwaltungssystemen (DRM) sollen Songs im Netz nur noch kopiergeschützt und mit individuell-zurückverfolgbarem Wasserzeichen versehen kaufbar sein. Diese Technik wird ein Katz-und-Maus-Spiel mit sich ziehen, dass die Entwicklung immer aufwendigerer Systeme und das Umgehen der neuen Systeme beinhaltet. Verbunden damit sind große Entwicklungskosten, die letztlich Musiker und Konsument tragen. Datenschutzrechtlich sind diese Systeme bedenklich, da wenige Firmen den persönlichen Musikgeschmack und das eigene Nutzungsverhalten genau studieren können. Die Kompatibilität mit freien Betriebssystemen steht noch in den Sternen. (Siehe Cory Doctorow?s DRM Talk auf Deutsch)

Eine Alternative: Die Kulturflatrate

  • Volker Grassmuck (Kulturwissenschaftler der HU-Berlin) stellt uns im Telefongesprä�ch eine Alternative vor, die nicht eine totale Kontrolle des Datenverkehrs in Filesharingnetzen verlangt: Durch eine monatliche Leermedienabgabe auf den Internetzugang sollen die nicht kontrollierbaren Kopien pauschal vergü�tet werden. Das Geld geht dann an eine neu zu grü�ndende Verwertungsgesellschaft, die - �ähnlich wie die Gema - den Auftrag erh�ält die Abgabe unter den betreffenden Musiker auszusch�ütten. Die bisherigen Parameter, wie oft die CDs des Musikers verkauft werden und wie oft er im Radio gespielt wird, nach denen die Gema solche Pauschalen seit Jahrzehnten aufteilt, lassen sich ebenfalls auf diesen Aussch�ttungsschlü�ssel ü�bertragen und im Internet wesentlich durch anonymisierte Filesharing-Nutzungs-Statistiken verfeinern.
  • In einer Stellungnahme an das Justizministerium stellt Volker mit Organisationen der Zivilgesellschaft sein Modell vor.

Innovative Labels und Musiker

  • Es gibt zahlreiche Musiker, die heute schon das Internet nicht als Bedrohung f�ür ihre Musik, sondern als Chance bekannt zu werden betrachten. Sie verö�ffentlichen ihre Musik unter Freien Lizenzen, wie den Creative Commons, die etwa besagen, dass man berechtigt ist ihre Musik zu nicht-kommerziellen Zwecken unter Nennung des Autors weiterzuverbreiten.
  • http://phlow.net/
    • Phlow ist eine sehr interessante deutsche Plattform für elektronische Musik
  • http://magnatunes.com/
    • Magnatunes ist ein US-Indie-Label, welches konsequent auf Creative Commons Lizenzen setzt und privates Kopieren über Filesharing-Netze ausdrücklich erlaubt.
  • http://finetunes.de/
    • Finetunes ist eine unterstützenswerte deutsche Downloadplattform für Indie-Musik, die Musik unter offenen Standards wie Ogg und Mp3 verkaufen
  • http://neubauten.org/
    • Die Einstürzenden Neubauten haben bei ihrem letzten Album eine Community aufgebaut, die gegene ine Abo-Gebühr live am Entstehungsprozess ihrer Platte übers Internet teilhaben konnten.
  • http://tonspion.de/
    • Viele MP3s, die zu Promotionszwecken auf Tonspion veröffentlicht werden
  • http://www.brothers-in-music.de/
    • Innovatives Label aus Berlin - alle CDs und Live-Mitschnitte werden unter den Creative Commons Lizenzen frei zum Download angeboten
  • http://www.thinnerism.com/
    • Die Schwesternlabels Thinner/Autoplate Netlabel. Dort gibt es electronic dub, minimal house und generell elektronische Musik. Werke werden als Alben unter einer Creative Commons Lizenz released. Inklusive kreativer Cover (als Flash-Animation).
  • http://emusic.com/

Kampagnen zum Urheberrecht

  • http://fairsharing.de/
    • Eine Kampagne u.a. vom Netzwerk Neue Medien, dem CCC, attac und der Grü�nen Jugend, die sich fü�r eine Kulturflatrate einsetzt und dazu informiert und Unterschriften sammelt.
  • http://privatkopie.net/
    • Die Initative zur Rettung der Privatkopie beherbergt zahlreiche Bürgerrechtsorganisationen und Netzaktivsten, die eine Aufrechterhaltung der Privatkopie im Internet fordern.
  • http://copy4freedom.de/
    • Die Gr�üne Jugend positionierte sich zum EU-Wahlkampf mit den Themen Privatkopie und Softwarepatente
  • CCC-Boykott-Aufruf
    • Als Im Frü�hjahr 2004 die Klagewellen der Musikindustrie begannen, forderte der CCC zum Boykott der Musikindustrie auf.

Weitere Informationen

Playlist der Sendung

Aufgelegt und gemischt von Katherina, die am 15. Januar 2005 mit studio66 in der Maria am Ostbahnhof zu hören ist (post(ätt)katherina.org). An dieser Stelle ist auch Brothers in Music zu erwähnen.

  • jeff samuel - knomb
  • scsi-9 vs. lazyfish - vint
  • Aril Brikha - Aqua
  • steward s. walker - boring movies
  • Maetrik - Random Dub
  • oh. - gama
  • Jake Fairley - Exploder
  • akufen - installation
  • Thomas Brinkmann - loplop
  • Broker / Dealer - Boots & Pants
  • Antonelli Electr. - Pictures
  • Ada - Believer
  • d. diggler - lubricated
  • superpitcher - more heroin
  • MRI - Dauerlaeufer
  • Maetrik - dirty deep
  • Dirk Diggler - Atomic Dancefloor
  • carsten jost - remix for lawrence
  • mambotur - el planta (sieg über die sonne rmx)
  • Broker-Dealer - Take Your Time
  • D. Diggler - DubDistress
  • MRI - To Be Honest